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Songs mit Bedeutung

 


Musik ist kein bloßes Hintergrundrauschen. Für mich war sie nie nur Unterhaltung. Musik war und ist meine Zeitmaschine, meine Notfallapotheke, mein seelisches Tagebuch und in der dunkelsten Nacht meines Lebens sogar mein Lebensretter. Wenn ich heute auf die ersten zwei Jahrzehnte meines Daseins zurückblicke, auf das schrille, bunte Chaos der 70er Jahre und die schattigen, stürmischen Wege der 80er, zieht ein unendlicher Strom aus Bildern an meinem inneren Auge vorbei. Doch diese Bilder sind stumm, bis der erste Akkord erklingt.
In meiner Autobiografie-Playlist habe ich Songs gesammelt, die untrennbar mit meiner Geschichte verwoben sind. Sie tragen die Aromen meiner Kindheit, den Schmerz des Verlustes, die Angst vor der Wahrheit, aber auch die unbändige Kraft des Überlebens.
Ich möchte euch jetzt mitnehmen auf eine Reise durch diese Klangspuren meines Lebens.

Der Knisterton der Erinnerung:
Wenn ich an die späten 70er-Jahre zurückdenke, sehe ich eine Welt in psychedelischen Farben. Pril-Blumen an der Küchenwand, ausladende Schlaghosen, das stetige Rattern der Züge direkt vor unserem Haus am Rande von Cloppenburg und das unbeschwerte Toben im Sandhaufen. Aber vor allem höre ich Musik.
Meine Mutter war noch blutjung, als sie mich auf die Welt brachte. Gefangen in einer Ehe mit einem alkoholabhängigen, gewalttätigen Mann, doch in ihren Augen lag eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit. Wenn sie zu Hause war, drehte sich der Plattenspieler. Bunte Cover lagen verstreut, und wenn die Nadel auf das schwarze Vinyl traf, dann erblühte das ganze Zimmer.
Songs wie „Y.M.C.A.“, „Le Freak“, „Born to Be Alive“, „Staying Alive“ oder „A Walk in the Park“ hallten durch die Wohnung. Ich tanzte auf dem Stuhl, völlig versunken im Rhythmus, während meine Mutter an der Tür stand und lächelte. In diesen Momenten schien die Welt voller Licht und Freude zu sein. Aber es gab auch viele Momente in denen sie mit rot unterlaufenden, verweinten Augen neben mir saß und gerade Songs wie "It's Funny, We don't Talk anymore" erinnern mich an diese Momente.
Als sie im Dezember 1980, als ich gerade neun Jahre alt war, völlig unerwartet durch ein Aneurysma nach einem häuslichen Streit für immer aus meinem Leben gerissen wurde, erlosch das letzte Licht meines Kinderherzens. Der Schmerz war so immens, dass ich mir eine innere Mauer baute, um nicht daran zu zerbrechen.
Doch wenn die Sehnsucht nach ihr zu gewaltig wurde, schlich ich mich ins leere, kalte Wohnzimmer oben im Haus. Ich nahm ihre alten Schallplatten aus den Hüllen, legte sie vorsichtig auf den Plattenteller und setzte mich auf den Boden. Sobald die ersten Bässe und Stimmen die Stille durchbrachen, geschah ein kleines Wunder. Sie war wieder da. Ich konnte ihren Duft riechen, ihr Lächeln vor mir sehen und für wenige Minuten die geborgene Wärme spüren, die mir das Schicksal so grausam entzogen hatte. Musik wurde zu meiner Brücke ins Reich der Erinnerungen. Ein feines Band zu meiner Mutter, das nie zerrissen ist.

Zuflucht im Obergeschoss:
Die 80er-Jahre brachten eine Zeit der tiefen Isolation. Ich lebte mit meinem Bruder und meinem Vater bei meinen Großeltern, verbrachte aber die Nächte allein im dunklen Obergeschoss unseres Hauses. An jenem Ort, der von den Geistern der Vergangenheit und den dunklen Schatten der Übergriffe meines Vaters erfüllt war.
Ich war ein Außenseiter, getragen von den abgelegten Second-Hand-Klamotten meiner Cousine, verunsichert, geplagt von diffusen Schuldgefühlen und vor allem gelähmt von einem riesigen Geheimnis. Schon als Junge spürte ich eine tiefe Anziehung zu anderen Jungs. Aber in der rauen, oberflächlichen Welt der 80er gab es für mich keine Vorbilder. Homosexualität existierte nur als Schimpfwort auf dem Schulhof, als Verurteilung oder als Drohung. Ich lernte früh, eine Maske zu tragen, den harten Hetero-Jungen zu spielen, während ich mich nachts in den Schlaf weinte und mich für mein Inneres hasste.
Mein Zimmer im Obergeschoss wurde mein Königreich und mein Gefängnis zugleich. Und mein einziger Ausweg war mein Radio-Kassettenrekorder und später meine eigene Musikanlage. Stundengelang saß ich da, die Finger nervös auf der Record-Taste, um den perfekten Moment abzupassen, in dem der Moderator hoffentlich nicht in das Intro hineinquatschte. Erst mit meinen eigenen Vinylplatten konnte ich entspannt meine eigenen Mixtapes erstellen.
Ich entdeckte den Synthie-Pop. Die futuristischen, melancholischen und doch mitreißenden Klänge von Pet Shop Boys, Erasure, a-ha, Depeche Mode, Bronski Beat und Frankie Goes to Hollywood wurden zu meinem heimlichen Refugium.
Über meinem Bett hingen Poster von Rick Astley, und aus den Lautsprechern drang ein Sound, der sich für mich wie eine geheime Botschaft anfühlte. Es war, als würden diese Künstler in einer Chiffre zu mir sprechen, die nur mein verängstigtes Herz verstehen konnte. Sie sangen von Anderssein, von Sehnsucht, von Welten, in denen Schatten zu Licht werden konnten. Hinter verschlossener Tür musste ich niemanden etwas vorspielen. Hier durfte ich weinen, träumen und für die Dauer eines Tapes oder einer LP einfach ich selbst sein. Ohne es zu wissen waren jene Künstler mit denen ich diese Momente zelebrierte meist ebenfalls homosexuelle Künstler, welche in der Öffentlichkeit ein ähnliches "Versteckspiel" spielen mussten wie ich.

Die Silvesternacht 1989:
Der tiefste Punkt meines Lebens traf mich am 31. Dezember 1989. Ich war 18 Jahre alt, innerlich völlig zerrissen und am Ende meiner Kräfte. Nach Jahren des Versteckens, der Demütigungen im Haus meines Vaters und seiner neuen Familie, gipfelte die toxische Stimmung jener Silvesternacht in einem einzigen Satz, den mein Vater mir voller Hass entgegenschleuderte: „Ich hätte dich damals in die Hecke spritzen sollen.“
Etwas in mir zerbrach in diesem Augenblick. Ein kalter Schnitt ging durch mein Herz. Niemand bemerkte, wie ich schweigend meine Jacke griff, mir die Kopfhörer aufsetzte und das Haus in die eisige, leicht verschneite Nacht hinaus verließ.
In meinem Walkman lief das Album „Red“ von den Communards. Ich lief schrittweise durch die stumme Stadt, unempfindlich für die Böller und das Lachen um mich herum. Schließlich stand ich auf einer hohen Brücke über der Bundesstraße. Unter mir schnitten die grellen Scheinwerfer der LKW durch die Dunkelheit. Die eisige Brüstung fühlte sich an wie ein Verheißungsversprechen. Lass einfach los. Dann hat der Schmerz ein Ende. Dann musst du dich nie wieder verstellen, nie wieder schämen, nie wieder kämpfen. Ich trat näher, hielt mich am Geländer fest, bereit zu springen. Doch genau in diesem Moment sang Jimmy Somerville.
Aus meinen Kopfhörern drang seine kristallklare, unerschrockene Stimme. Er sang in „Tomorrow“ vom Schmerz häuslicher Gewalt. In „There’s More to Love Than Boy Meets Girl“ besang er voller Stolz und Sanftheit, dass die Liebe zwischen zwei Männern rein, wunderschön und absolut richtig ist. Und in „Never Can Say Goodbye“ ging es darum, Altes hinter sich zu lassen.
Jimmys Stimme wurde zu einem unsichtbaren Arm, der sich um meine zitternden Schultern legte. Musik schenkte mir in diesem Bruchteil einer Sekunde den Mut, den mir kein Mensch in meinem Umfeld geben konnte. Den Mut, nicht zu sterben, sondern endlich zu leben. Den Mut, die toxischen Bande zu zerbrechen, mich nicht mehr für mein Anderssein zu schämen und meinen eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen.
Ich sprang nicht. Ich drehte die Kassette um, drückte noch einmal auf Play und ging zurück. Diese Nacht war mein Tod und meine Wiedergeburt zugleich. Anfang der 90er, nachdem ich bei meinem Vater rausgeschmissen wurde und wieder bei meiner Oma lebte, gab es einen Song, der mich bei jedem hören daran erinnerte, das ich nicht nur überlebt habe, sondern auch voller Stärke aus dieser Situation hervorgegangen bin. "No Son of Mine" von Genesis ist mein Fels. Ein Fels, der es mir ermöglichte, die ersten festen Schritte an Land zu gehen. Hinaus aus dem stürmischen Wasser von Angst, Verstecken und Selbsthass.

Junge Träume aus Gold:
Wenn ich mir heute den Song „Junge Träume Aus Gold“ von Yung Pepp auf meiner Playlist anhöre, schließt sich für mich ein gewaltiger, fast ehrfurchtgebietender Lebenskreis. Die Zeilen über die Lähmung durch Hass und Konflikte, das ständige Laufen gegen den schneidenden Wind und gleichzeitig dieser unerschütterliche, leuchtende Glaube der Mutter, dass hinter jeder noch so dunklen Wolke die Sonne wieder hervorbricht greifen mir direkt ins Herz.
Genau das war meine Kindheit. Ein pausenloser Lauf gegen den Sturm. Ein Stolpern durch ein Feld aus Scherben. Und doch trug ich, genährt von der unvergessenen Liebe meiner Mutter, beschützt durch die stoische Güte meiner Großmutter und gerettet in die Zufluchtsorte aus Büchern, Pen-&-Paper-Rollenspielen und Musik, immer diese jungen Träume aus Gold in mir.
Doch je älter ich wurde, desto klarer begriff ich aber auch, dass Stilles Überleben nicht reicht. Der Schmerz, die erfahrene Willkür, die schwere Last der Homophobie und das gesellschaftliche Schweigen jener Jahre durften nicht umsonst gewesen sein. Aus den zarten, melancholischen Goldträumen meiner Jugend erwuchs Schritt für Schritt eine unumstößliche Haltung, die Transformation zu einem zutiefst politisch engagierten Menschen.
Wo Yung Pepp die verletzliche Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit besingt, schlug in mir irgendwann ein neuer, rebellischer Takt. Um den stummen Schmerz in aktive Gestaltungskraft zu verwandeln, brauchte ich eine Stimme, die nicht mehr bat, sondern forderte. Die rohe, kompromisslose und satirische Energie von K.I.Z wurde zum Weckruf für mein politisches Bewusstsein. K.I.Z hielt einer oft verlogenen, kalten Gesellschaft den Spiegel vor und zerschlug die heile Fassade mit Scharfer Klinge. Ihre Musik gab meiner lang aufgestauten Wut über Ungerechtigkeit, Faschismus, Diskriminierung und Machtmissbrauch ein Ventildach. Sie lehrte mich, den Mund aufzumachen, Haltung zu beziehen und mich schützend vor all jene zu stellen, die wie ich einst keine Stimme hatten. Meine persönliche Geschichte wandelte sich vom stummen Erdulden zum aktiven, politischen Engagement für Empathie, Vielfalt und Menschenrechte.

Musik ist weit mehr als Melodie und Text. Sie ist das unbestechliche Gedächtnis unserer Seele, ein Tresor für unsere schwersten und schönsten Meilensteine. Wenn ich heute die Augen schließe und die Reise meines Lebens an mir vorbeiziehen lasse, stößt ein ganz bestimmtes Lied die Tür zu meinen tiefsten Schichten ganz weit auf. Dieser eine Song heißt „Lost“ von Linkin Park. Wenn die fragile, von Schmerz durchwebte Stimme von Chester Bennington durch den Raum bricht, spüre ich noch einmal das Zittern jenes kleinen Jungen, der im dunklen Obergeschoss saß und nicht mehr weiterwusste.

„Just a scar somewhere down inside of me
Something I cannot repair
Even though it will always be
I pretend it isn't there...
Cause when I'm alone
I'm lost in these memories
Living behind my own illusion...“

Lost beschreibt exakt diesen Zustand dieses Kindes. Gefangen in den Schatten der Vergangenheit, verloren in den eigenen Illusionen und gezeichnet von Narben, die sich nicht einfach weglächeln lassen.

Doch heute weiß ich, Ich bin nicht mehr verloren. Das Leben hat mich wie einen rohen Stein geschliffen. Rücksichtslos, hart und tief. Es gab Augenblicke, in denen die Ecken so tief eingeritzt wurden, dass ich zu zersplittern drohte. Aber heute, mit über fünfzig Jahren, schaue ich ohne Scham auf diese Wunden. Jede Träne, jede Narbe, jeder ausgehaltene Konflikt und jeder rettende Song hat mich zu dem Menschen geformt, der ich heute bin. Ich habe gelernt, meine Narben nicht mehr zu verstecken, sondern sie als Kompass für mein Engagement und meine Mitmenschlichkeit zu nutzen.
Und ja, ich mag diesen Menschen, der ich geworden bin und bin auch unendlich stolz auf den Jungen von damals.
Wenn ihr das nächste Mal eure eigene Lieblings-Playlist startet, hört einmal ganz genau hin. Welcher Song hat euch durch eure dunkelsten Nächte getragen ? Welche Melodie erinnert euch daran, wie viel Kraft in euch steckt ?

Passt auf euch auf. Achtet auf eure Worte und Taten.




Die Ganze Playlist findet man auch auf YOUTUBE

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