Ich bin gelegentlich gefragt worden, welchem Glauben ich mich zugehörig fühle oder welchen Glauben ich vertrete. Leider lässt sich das nicht so einfach erklären, da mein Weltbild keine wirklich feste Religion beinhaltet. Ich gehe davon aus, dass fast alle Religionen auf diesem Planeten einen spirituellen Hintergrund besitzen, der sie alle in gewisser Form „richtig“ erscheinen lässt.
Aus diesem Grund besteht mein religiöses Weltbild aus einem Sammelsurium verschiedener Aspekte unterschiedlichster Religionen. Allerdings gibt es mit dem Buddhismus eine Religion, die beinahe alle Aspekte meiner Weltanschauung umfasst. Da ich vor kurzem aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, kann ich mich nun auch offen als Buddhist bezeichnen. Dennoch gibt es auch im Christentum, im Islam, im Hinduismus und im Judentum Aspekte, die ich als sehr interessant und spirituell empfinde – vor allem, da sie dem Buddhismus sehr nahekommen. Um das genauer zu erklären, muss ich leider ein wenig ausholen.
Ich bin getauft und habe einen katholischen Kindergarten besucht. Somit kam ich zwangsläufig schon früh in meinem Leben mit dem katholischen Glauben und der Sichtweise eines weisen, alten Gottes und seiner menschlichen Anhänger in Kontakt. Bis zu meinem neunten Lebensjahr spielte dies alles jedoch keine wirkliche Rolle für mich, da es einfach nur eine von vielen „Unterrichtsstunden“ war, die ich in der Schule hatte.
Dies änderte sich fundamental im Winter des Jahres 1980. In den Wochen und Monaten nach dem Tod meiner Mutter verspürte ich beim Hören von Aussagen wie „Gott hat sie zu sich geholt“, „Gottes Wege sind unergründlich“ oder „Sie ist jetzt im Himmel bei Gott“ ein unstillbares Verlangen, die nächstbeste Kirche anzuzünden, um dem elenden Arschloch da oben zu zeigen, was ich von seinem Eingriff in meine Kindheit hielt. Ich begann, Gott und dessen Kirche zu hassen. Gläubigen Menschen gegenüber empfand ich ein subtiles Mitleid, weil sie ihr Leben dem Willen eines Sadisten unterordneten, der nur eines verdiente: einen Tritt ins Gesicht.
In den folgenden Jahren war ich am ehesten das, was man einen Atheisten nennen würde, und hatte nur ein mitleidiges Lächeln für Menschen übrig, die mir etwas über ihren „Glauben“ erzählen wollten. Mein Wissensdurst erstreckte sich auf materielle Erklärungen und Dogmen, auf das Universum, Naturgesetze und Ähnliches. Wenn es Götter gab, so waren dies materielle Wesen – Aliens von anderen Planeten –, die nichts „Spirituelles“ hatten, sondern greifbare Materie waren, nur eben viel fortgeschrittener als wir Menschen. Zwar versuchte ich unbewusst, weiter nach den Zehn Geboten des Christentums zu leben, aber nicht, weil ich an Gott glaubte, sondern weil ich der Meinung war, dass diese Regeln ein geniales Regelwerk darstellen, um als Menschen konstruktiv und humanistisch miteinander leben zu können. Innerlich jedoch fand ich immer mehr Punkte in der Bibel, die mir zeigten, dass „Gott“ ein sadistisches Wesen sein musste, dem es nur darum ging, Menschen unter seinen Glauben zu zwingen. Sogar seinen eigenen Sohn warf er dafür seinen Feinden zum Fraß vor.
In meiner Jugend, als meine sexuelle Orientierung und die Erkenntnis, dass ich homosexuell bin, sich zu entwickeln begannen, verstärkte sich diese Ambivalenz noch. Als „schwuler“ Mensch wurde ich laut kirchlicher Würdenträger von Gott nicht so akzeptiert wie der Rest seiner „Schäflein“. Da sich das Christentum meiner Meinung nach nicht sonderlich von seinen monotheistischen „Verwandten“, wie dem Islam oder dem Judentum, unterschied, galten jene Emotionen, die ich dem Christentum entgegenbrachte, zwangsläufig auch für diese Religionen. Es waren „Geschichten“ und „Erzählungen“ von Menschen, geschrieben, um andere Menschen zu unterdrücken und mittels „Glaubensritualen“ und „Dogmen“ diese zu lenken und zu beherrschen. Noch heute bin ich der Meinung, dass der Glaube an „geschriebene“ statt gelebte Religionen einer der ganz großen Fehler der Menschheit ist.
Interessanterweise gibt es jedoch einen Traum, der mir noch heute so klar vor Augen steht wie kaum eine andere Erinnerung. In einer Zeit, in der ich sehr verzweifelt war, träumte ich von einem wunderschönen, lebensfrohen Ort voller liebevoller Menschen. Ich saß einem alten Mann gegenüber, der dem typischen Klischee einer Gottesdarstellung entsprach. In diesem Traum baute mich dieser zutiefst sympathische, empathische Mann wieder auf, gab mir Lebenswillen und Kraft zurück. Obwohl ich dort bleiben wollte, erklärte er mir, dass dies noch nicht möglich sei, ich jedoch keine Angst mehr haben solle.
Dies war der Beginn einer Zeit, in der ich damit begann, ich selbst zu sein, mich nicht mehr zu verstecken und zu verstellen, sondern offen mit meiner Homosexualität umzugehen und auch damit anfing, mich wieder von ganzem Herzen für andere Menschen zu interessieren. Dazu gehörte natürlich auch deren Glaube und Lebensweise. Auch das Leben auf unserem Planeten spielte für mich eine immer wichtigere Rolle. Ich stellte immer öfter eigene Bedürfnisse hinter die Bedürfnisse anderer Menschen. Immer mehr rückte für mich das „Miteinander“ statt meine eigenen Ziele in den Mittelpunkt des Lebens.
In den folgenden Jahren lebte ich weiterhin ein relativ „normales“ atheistisches Leben, bei dem ich jedoch immer deutlicher das Gefühl hatte, etwas zu vermissen und zu übersehen. Je mehr ich über die Welt, das Universum und die „Schöpfung“ lernte, desto mehr hatte ich das untrügliche Gefühl, dass dies alles kein reiner Zufall sein konnte, sondern ein wie auch immer gearteter „Schöpfungsgeist“ oder „göttlicher Plan“ dieses fragile Wunderwerk lenkte.
1999 wurde meine persönliche Sinnsuche jedoch durch den völlig sinnlosen Tod eines meiner besten Freunde erneut zerstört. Mein alter Hass auf Gott und Religionen im Allgemeinen flammte erneut auf, und dieses Feuer loderte stärker als jemals zuvor. Ich brach abermals mit jedem Glauben an „übergeordnete“ Wesen oder Mächte, bemühte mich jedoch umso mehr darum, in meinem Umfeld ein Gefühl des Zusammenhalts zu schaffen. Ich setzte mich dafür ein, dass die Menschen viel mehr füreinander da waren, gerade weil das Leben so unendlich kostbar ist und unsere Existenz so plötzlich vorbei sein kann. Hass, Aggression, Wut und Gewalt gegenüber Mitmenschen erschienen mir einfach nur sinnlos, da sie niemals etwas Konstruktives erschaffen und lediglich unendlich viel von unserer kostbaren Zeit rauben.
Im Jahr 2008 wurde ich gezwungen, mich ganz elementar mit meiner eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, was dazu führte, dass ich meine auf Eis liegende Sinnsuche erneut aufnahm. Es war kein gezielter Weg, den ich einschlug, sondern vielmehr ein schleichender Prozess. Beim Stöbern im Internet oder in Buchhandlungen stolperte ich über Bücher, die mir regelrecht ins Auge sprangen und mich dazu brachten, sie zu lesen – obwohl ich einige Jahre zuvor einen großen Bogen um solche Werke gemacht hätte.
Ich begann, mich mit Theorien über morphische Felder zu beschäftigen und erkannte, dass vieles von dem, was wir als „physische Realität“ wahrnehmen, tatsächlich nur eine Form von Energie oder Wellen ist. Nach den Prinzipien der Quantenphysik wird Energie beziehungsweise Materie nicht zerstört, sondern lediglich in eine andere Form von Existenz transformiert. Bezogen auf den menschlichen Geist – dessen „Ort“ die Biologie bislang nicht eindeutig nachweisen konnte –, war dies ein kreativer Ansatz, um ein Leben nach dem Tod zu erklären. Der stoffliche Körper stirbt, während der Geist oder der sogenannte feinstoffliche Körper (Energie) sich auflöst und in einen Zustand zurückkehrt, den er vor seiner Transformation in physische Materie hatte.
In meinen Augen wäre dies eine plausible Erklärung für Nahtoderfahrungen, deren Existenz mittlerweile als gesichert gilt, auch wenn die „Ursache“ dieser Erfahrungen weiterhin Gegenstand hitziger Debatten bleibt. Dieses Gedankenspiel führte mich schlussendlich zum buddhistischen Glauben und zum Gnostizismus, der auf alten Schriften der christlichen Lehre basiert und zum Teil heute noch von den ägyptischen Kopten in ihrer Religion genutzt wird.
Im Buddhismus wird davon ausgegangen, dass in jedem Menschen etwas „Göttliches“ veranlagt ist. Er muss sich in der Materie immer wieder neu inkarnieren, um zu lernen, einen Zustand der Erleuchtung zu erreichen, in dem er bereit ist, die „physische Materie“ endgültig zu verlassen. Wirklich überrascht war ich, als ich feststellte, dass es auch im alten Christentum eine Strömung gab, die einen ähnlichen Ansatz dieser „erleuchteten Inkarnation“ als Glaubensgrundlage betrachtete. Auch die Gnostiker gehen von einem „göttlichen“ Zustand aus, den der Mensch erreichen muss, um zu seinem wahren Wesen zurückzufinden und die Stofflichkeit abwerfen zu können.
Bis dahin wird die „Seele“ wieder und wieder in der Materie inkarnieren. Diese Texte sind jedoch nie in die Bibel aufgenommen worden, und die Anhänger des Gnostizismus wurden von der christlichen Kirche als Ketzer verfolgt und gnadenlos getötet.
Wenn man sich unser „chaotisches“ Universum anschaut, das dennoch nach festen Regeln funktioniert und auf Naturgesetzen basiert, ergeben der Glaube der Gnostiker und der Buddhisten einen sehr interessanten Denkansatz. Besonders deshalb, weil sie ein allumfassendes Bild unserer „Realität“ abbilden, inklusive der materiellen Denkmodelle der Naturwissenschaften, ohne sich auf den sklavischen Glauben an einen wohlwollenden, allmächtigen, übergeordneten Gott zu beschränken.
Wenn wir nun sogar noch einen Schritt weiter gehen und auch der Erde selbst, ihren Elementen, Lebensformen und schlussendlich sogar dem Universum als Ganzem einen „Geist“ zugestehen – wie dies im Shintoismus geschieht –, der sich ebenfalls, ähnlich wie der menschliche Geist, weiterentwickelt, dann ergibt sich plötzlich ein fantastisches Bild: Ein Universum, das sich auf verschiedenen Ebenen – geistig, energetisch, universal, kosmisch, planetarisch, biologisch, materiell und mikroskopisch – permanent weiterentwickelt, lebt, stirbt, wiedergeboren wird und sich dabei kontinuierlich zu etwas Höherem entwickelt. Ein Gedanke, der in meinen Augen wahrhaft göttlich ist.

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